„Nur ein Narr macht keine Experimente“ – Vergleich von PDCA und Desing Sprints

Charles Darwin, von dem dieser kluge Spruch stammt, ist den meisten von uns als Urheber der Evolutionstheorie bekannt. Er hatte schon als Kind ein ausgeprägtes Interesse an Naturwissenschaften und am Experimentieren. 1831, mit 22 Jahren, ging er auf eine Entdeckerreise mit der HMS Beagle, die in in 5 Jahren einmal um die Welt führen sollte. Seine Neugier und sein Wissensdurst machten ihn zu einem der bedeutendsten Naturwissenschaftler.

Neugier – das ist das Verlangen, Neues zu erfahren und zu lernen, gepaart mit der Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Ohne diesen Wissensdurst gäbe es kaum Experimente, Innovationen oder Fortschritt. Albert Einstein stimmt zu: „Ich habe keine speziellen Talente, ich bin nur leidenschaftlich neugierig.“

Die Bedeutung der Neugier als Motor der geistigen Entwicklung ist in der (Entwicklungs-)Psychologie inzwischen aner­kannt. Schon bei Neugeborenen lassen sich erste Hinweise darauf finden. Mit etwa 1½ Jahren beginnen Kleinkinder regelrecht mit Gegenständen zu experimentieren, um ihre Beschaffenheit zu erkunden und herauszufinden, was sich mit ihnen alles machen lässt. Leider verlieren viele Menschen ihre Neugier mit zunehmendem Alter, weil sie sie mit Ungewissheiten, Risiken, Gefahren, Fehler, Versagen verbinden. Das Bedürfnis nach Sicherheit scheint das Bedürfnis nach neuen Erkenntnissen zu überdecken. Zudem unterbinden die vom Tayorismus geprägten Management-Methoden den geistigen und zeitlichen Freiraum, um Effizienz und Auslastung der Mitarbeiter zu optimieren.

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Viele Unternehmen haben heute die Bedeutung der Neugier als Erfolgsfaktor für Innovationen (wieder)entdeckt. Der Gründer und Chef des Computerherstellers Dell brachte es auf den Punkt: „Wenn ich auf eine Fähigkeit wetten müsste, die ein Unternehmenschef in Zukunft braucht, wäre es die Neugier“, sagt Michael Dell, „daraus entstehen Ideen. Und wenn man keine Ideen hat, hat man ein großes Problem.“

Wie können wir die Fähigkeit zur Neugier nutzen und gleichzeitig dem Bedürfnis nach Sicherheit gerecht werden? Am besten wären doch „Safe-to-fail“-Experimente, bei denen das Scheitern einkalkuliert ist und dessen Folgen unter Kontrolle gehalten werden können. Unmöglich? Tim Harford verrät uns in seinem Buch „Adapt“, wie das geht:

The three essential steps are:

  • to try new things, in the expectation that some will fail;
  • to make failure survivable, because it will be common;
  • and to make sure that you know when you’ve failed.

Dieser Forschergeist und die Bereitschaft zum Scheitern um des Lernens willen ist für viele Organisationen ein Kulturschock. Sie haben sich noch nicht mit der zunehmenden Komplexität unserer (Arbeits)welt abgefunden: in komplexen Systemen gibt es keine planbaren Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung. Sie sind nur durch Selbstorganisation anpassungs- und damit überlebensfähig. Auch wenn wir noch so viel Mühe in die Planung investieren, können wir nicht mit Sicherheit sagen, was die Wirkung unserer Aktionen ist. Also bleibt uns gar nichts anderes übrig als Experimente durchzuführen, deren Ergebnisse uns neue Informationen über das System liefern – und dabei keinen unakzeptablen Schaden anrichten (zu Details zu komplexen Systemen und Möglichkeiten, damit umzugehen, s. Cynefin).

Ein Experiment stellt eine Frage dar, der eine bestimmte Hypothese zugrunde liegen kann. Das Experiment kann aber auch einfach darin bestehen, ohne bestimmte Hypothese eine bis dahin nicht beobachtete Situation herbeizuführen und sich vom Ergebnis „überraschen zu lassen“. Dieser Unterschied wird deutlich bei der Gegenüberstellung von zwei Verfahren: dem PDCA-Zyklus und dem Design Sprint.

Bei dem PDCA-Kreislauf (Plan – Do – Check – Act) handelt sich um ein experimentelles Verfahren, der die Phasen im kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP) beschreibt. Damit wird eine stetige Verbesserung der Prozesse und Abläufe verfolgt mit dem Ziel, die Effizienz, Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit des Unternehmens zu verbessern. Die Ursprünge entstanden bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts (Shewhart, später von E. Deming weiterentwickelt). Die 4 Phasen sind:

  • Plan: Plane eine Veränderung oder einen Test mit dem Ziel der Verbesserung (Hypothesen-Bildung).
  • Do: Führe die Veränderung oder den Test durch – in möglichst kleinem Umfang (Experiment).
  • Check: Untersuche die Ergebnisse: Was haben wir gelernt? Was ist schiefgegangen? (Evaluierung)
  • Act: Setze die Veränderung um oder breche ab oder durchlaufe den Zyklus erneut.

Ein Design Sprint ist ein 4-5tägiger Workshop mit dem Ziel, ein Produkt, Prozess oder Service unter realen Verhältnissen zu testen. Das Format wurde bei Google entwickelt und wird mittlerweile bei vielen Unternehmen eingesetzt. Design Sprints lassen sich für die Entwicklung und Verbesserung von neuen Produkten (z.B. Apps) und für die Lösung von komplexen Herausforderungen nutzen. Es kommen dabei Methoden aus dem Werkzeugkoffer des Design Thinkings zum Einsatz. Diese Methoden bilden die Zutaten, während der Design Sprint das „Rezept“ ist, mit dem die Zutaten in einer bestimmten, strukturierten Abfolge „verarbeitet“ werden.

Der PDCA-Zyklus beginnt mit einer oft sehr umfangreichen Analyse der (problematischen) Ist-Situation, zum Beispiel mit Hilfe einer Ursachen-Analyse. Es wird eine Hypothese formuliert und damit auch die Kriterien oder Messdaten, mit der die Hypothese nach Durchführung des Experiments bestätigt oder verworfen werden kann. Die Veränderungs-Experimente sind eher klein, und der Prozess sieht nicht die Bewertung unterschiedlicher Optionen vor. PDCA ist also eher für iterative Prozessverbesserungen geeignet.

Beim Desing Sprint steht am Anfang eine Herausforderung. Der Problemraum wird durch Experteninterviews „erforscht“, und es werden massenhaft Lösungsideen generiert. Konvergentes und divergentes Vorgehen, Arbeit allein und im Team, wechseln sich sowohl bei der Problembeschreibung als auch bei der Lösungsfindung ab. Die Stärke vom Design Sprint liegt in der Entdeckung und Erforschung von Innovationen.

Beiden gemeinsam ist der Test: im PDCA-Zyklus die Überprüfung der Hypothese anhand von konkreten Daten, im Design Sprint das Feedback der Endanwender zu einem Rapid Prototype. Beide Verfahren kann ich zum Aufbau von safe-to-fail Experimenten nutzen: im PDCA-Zyklus, indem ich die Veränderungsschritte klein und überprüfbar plane. Im Design Sprint, indem ich in extrem kurzer Zeit „quick and dirty“ Prototypen baue, zu denen ich Feedback bekommen kann.

So können beide Prozesse dazu beitragen, Neugier, Interesse und die Offenheit für Neues und die Freude am Experimentieren und Lernen wiederzubeleben! Um am Schluss noch einen großen Autor und Beobachter zu zitieren: “Continuous improvement is better than delayed perfection.“

 

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