Brauchen „reife“ Teams noch einen Scrum Master?

„Sollen wir wirklich einen Scrum Master pro Team einstellen?“ „Ein paar Meetings organisieren, das kann doch keine Vollzeit-Rolle sein!“ “Was soll denn der Scrum Master machen, wenn das Team gut arbeitet?“ „Wie können wir die Produktivität des Scrum Masters messen?“ Solche und ähnliche Fragen meiner Kunden zeigen, dass die Rolle des Scrum Masters auch 20 Jahre nach der Erfindung von Scrum immer noch ein Mysterium ist.

Laut Scrum Guide ist der Scrum Master ein Coach und Servant Leader: er coacht alle Beteiligten (Product Owner, Entwicklungsteam und die gesamte Organisation) dabei, Scrum richtig anzuwenden. Er führt das Team zur Selbstorganisation und sorgt dafür, dass die Organisation incl. des Managements den nötigen Rahmen dafür gewährleistet. Je nach Organisation kann das eine anspruchsvolle und langwierige Aufgabe sein.

Ich fasse die Verantwortlichkeiten und Nicht-Verantwortlichkeiten des Scrum Masters so zusammen:

Verantwortlich:

  • Ermöglichen / Erleichtern der Arbeit und des ständigen Lernens des Scrum Teams sowie der gesamten Organisation (z.B. durch Beseitigung von organisatorischen Hindernissen)
  • Informationen sichtbar machen, dem System den Spiegel vorhalten
  • Kommunikation ermöglichen

Nicht verantwortlich:

  • Inhaltliche Arbeit zur Produktlieferung oder Projektarbeit
  • Management-Funktionen, z.B. Reporting
  • Administrative Aufgaben (JIRA, Meeting-Einladung, …)
  • Team-Performance (ist schwer zu messen, und alle Messungen tendieren dazu, ein lokales Effizienz-Optimum im Team zu erzeugen anstatt eines globalen, organisationsweiten Wertschöpfungs-Optimums)
  • Konfliktlösung (meist reichen die Skills dazu nicht)

Diese Liste von möglichen Aktivitäten entkräftet die Befürchtung, dass der Scrum Master herumsitzt und Däumchen dreht. Sie erfordern natürlich, dass die Organisation auch mitspielt und den Scrum Master seinen Job machen lässt – über das Einüben von Scrum-Praktiken im Team hinaus.

Tatsächlich ist es nicht so einfach, diese Verantwortlichkeiten und die Wirksamkeit eines Scrum Masters zu verdeutlichen. Er agiert oft im Verborgenen, und die Ergebnisse seiner Arbeit zeigen sich indirekt darin, dass andere besser werden. Die Rolle des Scrum Masters wird daher oft unterschätzt, erfährt keine angemessene Wertschätzung und wird schlecht bezahlt. In vielen Organisationen fehlen die Unterstützung und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung.

Und nun zurück zur Ausgangsfrage: Wenn das Team und die ganze Organisation reibungslos nach Scrum arbeiten, hat dann der Scrum Master seinen Job getan? Besteht die Aufgabe des Scrum Masters darin, sich selbst überflüssig zu machen?

Photo by football wife from Pexels

Manche vergleichen den Scrum Master mit dem Coach eines Sportteams. Würde die deutsche Fußballnationalmannschaft, auch wenn sie noch so erfolgreich ist, ohne Coach auskommen? Auf der anderen Seite: kann man ein Scrum-Team mit einem Fußballteam vergleichen? Im Fußball sind das Ziel und auch die Regeln immer gleich. Ein Scrum Team dagegen sollte auch auf Änderungen der Zielsetzung und der Rahmenbedingungen schnell – „agil“ – reagieren. Bei der Reflexion des eigenen Handels sollte es in der Lage sein, die persönlichen Normen, Werte, und Regeln infrage zu stellen und zu ändern. Dieses sogenannte „Double Loop Learning“ [C. Argyris, D. Schön] ermöglicht im Gegensatz zu einfachen, situativen Verbesserungen (Single Loop Learning) grundlegende Verhaltensänderungen. Das kann bedeuten, dass ein Scrum Team nicht nur z.B. über Retrospektiven die Art und Weise verändert, wie es seine Meetings abhält, das Backlog priorisiert oder Tests durchführt. Vielmehr könnte es sich dazu entschließen, das Scrum Framework hinter sich zu lassen, weil es ihm nicht mehr hilft bei seiner agilen Reise. Damit wäre auch der Scrum Master – strenggenommen – kein Scrum Master mehr. Ein grundsätzlicher Unterschied zum Fußballteam: Wenn ein Fußballspieler auf die Idee kommt, die Regeln zu missachten, gibt es die Rote Karte!

Für diesen Lernprozess ist ein Coach mindestens genauso wichtig wie für das Fußballteam. Und er sollte außerordentlichen Fähigkeiten haben: er hat eine klare Vorstellung von seinen Zielen und Werten, ist aber auch in der Lage, seine Unzulänglichkeiten zu erkennen, zu bewerten und aus ihnen zu lernen. Er verfügt über Emotionale Intelligenz (in Bezug auf sich selbst), Soziale Intelligenz (in Bezug auf andere) und „System-Intelligenz“. Die Fähigkeiten ähneln sehr denen, die ich mir vom „Management der Zukunft“ wünsche. Ist es daher nicht naheliegend, die Rolle des Scrum Masters mit der eines Managers zu verbinden? Dies wird häufig abgelehnt, mit der Begründung, dass Mitarbeiter sich in der Gegenwart ihres Vorgesetzten „unnatürlich“ verhalten, auf den eigenen Vorteil bedacht und nicht als Team-Player. Der Grund sind klassische Management-Aufgaben wie Performance-Beurteilung, Gehaltsfestlegung, Beförderungen, Einstellungen und Entlassungen. Diese Aufgaben sind jedoch nicht automatisch an die Rolle der disziplinarischen Führungskraft gebunden, und es gibt bereits viele Firmen, die andere Wege gehen und sie dem Team überlassen.

Meine Zukunftsvision ist, das Scrum Master und Management miteinander verschmelzen, dass es also nur noch eine Rolle gibt, die sich um die Weiterentwicklung und Zukunftsfähigkeit von Mitarbeitern, Teams und der Organisation kümmert – den Agile Leader. Der Scrum Master macht sich also nicht überflüssig, nimmt aber mit zunehmendem „Agilitäts-Reifegrad“ andere Aufgaben wahr. Bis es soweit ist, haben einige Organisationen und Menschen noch einen weiten Weg vor sich.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s