Mut zu Agile

Ich war so schüchtern als Kind! Ich war als Schülerin in allem gut, was mit Schreiben, Rechnen und Denken zusammenhing – aber nicht im Reden. Meine Noten in mündlicher Beteiligung waren schlecht. Ich traute mich nicht, mich zu melden, wenn ich mir vorher nicht ganz genau überlegt hatte, was ich sagen wollte. Wenn ich aufgerufen wurde, ohne mich gemeldet zu haben, bekam ich Schweißausbrüche und lief rot an, was mir entsetzlich peinlich war. Dabei bin ich im Sternzeichen des Löwen geboren, sollte also von Natur aus mutig sein. Da muss wohl irgendwas schief gelaufen sein.

Ein von mir bewunderter Deutschlehrer verpasste mir als Teenie eine Einzelsitzung, indem er mich den Aufsatz von Heinrich von Kleist „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ verordnete und mit mir darüber ein Zweiergespräch führte. Da dieser Lehrer gleichzeitig der Direktor der Schule war und eine echte Autoritätsperson, war ich natürlich sehr aufgeregt. Im Nachhinein betrachtet, war dieses Gespräch meine erste Coaching-Erfahrung. Ich nahm mir vor, mich in jeder Unterrichtsstunde mindestens einmal zu Wort zu melden, auch ohne bis ins Detail zu wissen, was ich sagen würde. Manchmal ging das in die Hosen, aber meistens klappte es ganz gut – ich hatte für mich das Prinzip der iterativ-inkrementellen Verbesserung entdeckt. Ich lernte, dass man Mut trainieren kann.

Meine nächste große Herausforderung ereilte mich, als ich mich zu Beginn meines Studiums als Erstsemestersprecherin meldete. Nicht etwa, weil ich so studentenbewegt gewesen wäre  – es lag einzig und allein daran, dass ein wirklich unwiderstehlicher Kommilitone aus einem älteren Semester diesen Wunsch an mich herantrug. Vor jedem meiner Auftritte vor meinen 500 Kommilitonen (Elektrotechnik, 95% Männer!) konnte ich vor Aufregung nicht essen, nicht schlafen… aber da musste ich nun durch. Und siehe da, es ging irgendwie. Auftritte vor solchen Menschenmassen sind nach wie vor nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Ich habe die Angst davor trotz einiger Gelegenheiten zum Üben nicht verloren – so wie etliche Schauspieler und Musiker vor jedem Auftritt Lampenfieber haben. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass ich die Angst bisher immer überwinden konnte – und damit das Zutrauen, dass es auch beim nächsten Mal klappen wird. Ich bekomme oft das Feedback, dass man mir meine Aufregung gar nicht anmerkt. Ich genieße das Gefühl von Stolz und Erleichterung, das sich nach einem gelungenen Auftritt einstellt. Und wenn es mal nicht so gut gelaufen ist, stecke ich die Enttäuschung einigermaßen schnell weg und versuche daraus zu lernen.

Ich bin immer noch kein besonders mutiger Mensch. Ich habe Angst vor Konflikten, vor Blamage, vor Ärzten mit Spritzen, vor dunklen Kellern, und manchmal auch vor Autoritätspersonen (wie meinem Deutschlehrer). Und das ist ganz normal. Ängste sind uns von der Evolution in die Wiege gelegt als Schutz- und Überlebensmechanismus. Wenn vom ältesten Teil des Hirns, dem Stammhirn, ein Signal für Gefahr ans Großhirn gesendet wird, bleibt keine Zeit für ausgiebiges Denken. Das Großhirn geht in den Stand-by Modus und der Körper übernimmt die weiteren Reaktionen: Fight, Flight oder Freeze. Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit, diese zu überwinden und trotzdem vernünftig zu denken und zu handeln. Und das kann trainiert werden: durch Bewegungs- und Entspannungsübungen, Meditation, durch Konfrontation mit der Angst. Auch das Sprechen (oder Schreiben) über die eigenen Ängste kann schon zu einem verstärkten Kontrollgefühl führen.

Viel später lernte ich Scrum kennen und erfuhr von den fünf Scrum-Werten: Fokus, Offenheit, Commitment, Respekt – und Mut. Werte sind etwas sehr Persönliches: „Wofür stehe ich? Was möchte ich mit meinem Leben / mit meiner Arbeit vermitteln?“ Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, erfordert Mut. Daher ist Mut für mich die Voraussetzung für die anderen Werte.

Im Scrum-Guide steht zum Mut: Mut, das Richtige zu tun und an schwierigen Problemen zu arbeiten. Was genau ist das „Richtige“ und was sind „schwierige Probleme“? Dies hat sich seit den Anfangszeiten von Scrum und Agilität in den 90ern des letzten Jahrhunderts gewandelt. Erinnern wir uns: 1991 startete das Word Wide Web, 1999 erschien die erste „Cloud“. Die Software-Entwickler kämpften mit dokumentenlastigen wasserfallartigen Vorgehensmodelle. Organisationen waren hierarchisch und nach Funktionen in Silos organisiert. Eine erschreckend hohe Zahl von Software-Projekten scheiterte. Und so entwickelten clevere Leute leichtgewichtige Alternativen zu den vorherrschenden Prozessen, wie z.B. Scrum und xP. 2001 trafen sich 17 Repräsentanten dieser neuen Methoden in Utah zum Skifahren – und beim Apres Ski entstand das berühmte Manifest für Agile Software-Entwicklung. Diese agilen Vorreiter nannten sich selbst „Organisationsarnarchisten“. Wir können uns vorstellen, dass sie viel Mut brauchten, um gegen die herrschenden Zustände und Machtpositionen anzukämpfen. Mittlerweile ist Agile – oder besser Varianten von Scrum – zum Mainstream geworden – fast schon zu einer heiligen Kuh. Es erfordert keinen Mut mehr, sich für Scrum einzusetzen – eher wohl, etwas dagegen zu sagen. Oder darauf hinzuweisen, dass wir die erwähnten Probleme der 90er nicht alle in den Griff bekommen haben – insbesondere die, die mit der Organisationkultur zusammenhängen. Wie viele Unternehmen können 18 Jahre nach dem Agilen Manifest von sich ernsthaft behaupten, agil zu sein? Und vielleicht haben wir sogar trotz unseres guten Willens zur Schaffung neuer Probleme beigetragen. Mit Hilfe von Scrum lösen wir schwierige und komplexe Probleme und sind dabei kundenorientierter, flexibler und schneller als früher – aber tun wir damit wirklich das Richtige? Die Produkte und Technologien, die wir schnell und kundenorientiert auf den Markt bringen, haben komplexe Auswirkungen. Nur ein paar Beispiele: Ständige Internet-Nutzung schädigen das Gedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit – nicht nur von Kindern. Arbeitsplätze gehen verloren durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz. Persönliche Daten werden missbraucht, um Wahlen zu manipulieren. Bitcoin-Transaktionen verursachen horrenden Stromverbrauch.

Auch die Arbeitsprozesse haben Nebenwirkungen. Menschen brennen aus durch Informationsüberflutung und Beschleunigung von Arbeitsabläufen. Menschen, die sich nicht ständig selbst optimieren können oder wollen, fühlen sich abgehängt. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter wird oft nur als Mittel zum Zweck gesehen, um die Profitabilität zu steigern.

So viele Veränderungen, die wirklich Angst machen können. Aber erheben wir Agilisten nicht den Anspruch, mit Veränderungen umgehen zu können? Wir brauchen Mut, um diese Angst zu überwinden. Wir brauchen auch Zuversicht und Optimismus, dass wir etwas ausrichten und die Zukunft mitgestalten können.

Liebe Product Owner, habt den Mut, nicht nur ans schnelle Geschäft zu denken, sondern an den gesamten Lebenszyklus eurer Produkte, mit all seinen möglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt. Liebe Teams, habt den Mut, über den Tellerrand eures Sprints hinaus Verantwortung für eurer Handeln, eure Produkte und eure Firma zu übernehmen. Liebe Scrum Master, habt den Mut, nicht nur die Produktivität und Effizienz, sondern Persönlichkeiten und Talente der Menschen zur Entfaltung zu bringen. Habt den Mut, euch zu wehren und zu verweigern, wenn nur ein Scrum-Etikett auf althergebrachte Vorgehensweisen geklebt werden soll. Ihr seid die Mut-Vorbilder für eure Teams! Liebe Führungskräfte, habt den Mut, euch vor allem auf die Menschen und dann erst auf die Zahlen zu konzentrieren. Habt den Mut, euren Mitarbeitern zuzuhören und deren Meinung auf Augenhöhe zu respektieren. Entwickelt Unternehmen, in denen erfolgreiche Beziehungen entstehen können und die der Arbeit der Menschen einen Sinn gibt und damit Freude.

Scrum ist „the art of the possible“ – das Beste aus dem Vorhandenen zu machen. Lasst uns unsere Erfahrung, unsere Werte-Orientierung und unser Methoden-Know How nutzen, um die wichtigen Probleme unserer Zeit zu lösen.

 

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s