Agiles Mindset – 3in1

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Neulich fragte mich jemand: „Wenn beim Planning Poker bereits in der 1. Runde alle den gleichen Wert schätzen, muss ich dann auch eine 2. Runde schätzen lassen?“. Fragen dieser Art sind sehr häufig: „Kann ich das User-Story-Template auch für Product Backlog Items anwenden, die keine User Stories sind?“, „Ist es zulässig, dass Product Owner und ScrumMaster die gleiche Person sind?“, „Entsteht das Sprint-Ziel vor oder nach dem Sprint-Planning?“. Sie deuten darauf hin, dass Scrum leider meist als Methodik verstanden wird, als Kochbuch, und nicht als Framework zur Umsetzung eines „agilen Mindset“. Meine Hypothese ist, dass sich diese Fragen aus einem agilen Mindset heraus selbst beantworten lassen.

Agiles Mindset ist in aller Munde. Vielleicht es für ein schon zum Buzzword geworden, das ihr nicht mehr hören könnt? Was genau ist damit eigentlich gemeint? Woran kann ich es erkennen, und was kann ich tun, um es zu fördern?

Ich übersetze „Mindset“ mit „Denkweise“ oder „Haltung“. Diese Haltung wird beschrieben durch Werte und Prinzipien, wie sie im hinlänglich bekannten Manifest für Agile Softwareentwicklung zusammengefasst sind. Hier geht es immer um Kunden und Teams. Eine Organisation wird erst dann agil sein, wenn alle sich auf diese gemeinsamen Werte und Prinzipien verständigen und sie einhalten. Eine Haltung ist aber auch und vor allem eine sehr persönliche Sache.Was ich unmittelbar beeinflussen kann, ist meine persönliche Agilität. Sie zeichnet sich aus durch

  • Meine Beziehung zum „Kunden“, dem Empfänger meiner Ergebnisse und Dienstleistungen: ich möchte meinen Kunden verstehen, für ihn Wert erzeugen und Verschwendung vermeiden.
  • Meine Beziehung zu meinem Team: ich bin überzeugt, dass die besten Ergebnisse im Team entstehen. Ich vertraue darauf, dass meine Team-Mitglieder ihr Bestes geben und bin daher bereit, Team-Entscheidungen mitzutragen.
  • Ich selbst und meine persönliche Entwicklung: ich habe eine positive, konstruktive Haltung zu mir selbst und anderen Menschen. Ich bin bereit für Veränderungen, zum Experimentieren und zum Lernen aus Feedback und Fehlern.

Ich habe also genaugenommen nicht ein, sondern drei agile Mindsets!

Wenn du deine persönliche Agilität anhand dieser drei Kategorien überprüfen möchtest, kannst du diesen Selbstcheck dazu nutzen.

Photo by rawpixel.com from Pexels

Soll das heißen, dass persönliche Agilität das Vorhandensein eines Kunden und eines Teams erfordert? Kann ich nicht auch für mich allein, in meinem persönlichen Umfeld, agil sein? Natürlich kann ich anpassungsfähig und lernbereit sein – ob ich dafür den Begriff „Agil“ verwende, ist für mich nicht relevant. Wichtig wird die Begriffsklärung in der Zusammenarbeit mit anderen. Agil ist die Fähigkeit zur schnellen Veränderung, um mit Hilfe von anderen (dem Team) wertvolle Ergebnisse (für Kunden) zu erzeugen.

Im Dreieck „Kunde – Team – ich selbst“ kann es zu Interessenskonflikten kommen. Wenn das Team zu sehr unter dem Pantoffel des Kunden steht und keine Zeit mehr bleibt, die Axt zu schärfen, wird die Zusammenarbeit und letztendlich auch die Produktivität und die Qualität der Ergebnisse darunter leiden. Wenn das Team an wunderschönen Lösungen feilt und kein Auge auf die Vermarktbarkeit legt, ist das geschäftsgefährdend. Wenn ich auf Dauer meine persönlichen Interessen hinter den Team-Interessen zurückstelle, werde ich unzufrieden. In Scrum haben wir den Product Owner und den Scrum Master, die als Interessensvertreter von Kunden und Team für Balance sorgen – für meine eigenen Interessen bin ich selbst zuständig.

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Was ist, wenn ich dieses Mindset nicht habe, oder feststelle, dass Menschen in meiner Umgebung es nicht haben? Kann sich das ändern? Natürlich! Agilität ohne den Glauben an Veränderung ist ein Widerspruch in sich. Ein Mindset entsteht nicht aus dem Nichts, sondern ist das Ergebnis von Erfahrungen. Ich kann nicht einfach einen Schalter umlegen und ein neues Mindset einschalten. Ich kann aber dafür sorgen, dass Menschen die Gelegenheit haben, neue, agile Erfahrungen zu sammeln. In der Arbeitswelt ist dazu ein organisatorisches Umfeld nötig.

Carol Dweck hat dazu sehr interessante Gedanken und Untersuchungen in ihrem Buch „Mindset: The New Psychology of Success“ dargelegt:  Sie unterscheidet zwischen „fixed“ (festgelegtem) und „growth“ (wachstumsorientiertem) Mindset.

  • Menschen mit einem „fixed mindset“ sind überzeugt, dass Fähigkeiten und Talente im wesentlichen angeboren sind. Sie vermeiden Herausforderungen mit Möglichkeit zum Scheitern und vertuschen ihre Fehler.
  • Menschen mit einem „growth mindset“ trauen sich zu, jede beliebige Fähigkeit durch entsprechende Anstrengung, Ausbildung und Übung zu entwickeln, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Fehler liefern für sie wertvolle Informationen für die Weiterentwicklung.

Mit anderen Worten: Persönliche Agilität erfordert einen „growth mindset“. Zum Glück ist – nach Carol Dweck – auch die Einteilung der Menschen in „fixed“ vs. „growth“ nicht etwa „fixed“, sondern kann durch geeignete Maßnahmen (z.B. Loben von Anstrengung, Strategie und Vorgehen anstelle von Ergebnissen; Lesen von Artikeln, die die Überlegenheit des „growth“ mindsets belegen) beeinflusst werden. Es kann schon reichen, sich über den Unterschied bewusst zu werden und sich klarzumachen, dass das „growth mindset“ oft zwar anstrengender ist, dafür aber auch mehr Erfolg verspricht und weniger Stress im Umgang mit Rückschlägen.

Ich selbst erwische mich übrigens immer wieder dabei, dass mein Mindset und mein Verhalten nicht immer agil sind. Ich will meinen Kopf durchsetzen und lasse es an Wertschätzung für die Beiträge meiner Team-Mitglieder mangeln, weil ich glaube, es besser zu wissen. Ich möchte in meiner Komfortzone bleiben und erprobtes Vorgehen beim Kunden wiederverwerten, auch wenn es gar nicht zu dessen Bedürfnissen passt. Ich ärgere mich über Kritik und fühle mich verletzt, anstatt sie als Feedback und damit als Geschenk zu betrachten. Was soll’s – Agil ist eine Perfektionsvision, und ich bin nicht perfekt, sondern „work in progress“. Wenn ich das erkenne, kann ich auch besser mit schwächelnder Agilität bei meinen Team-Mitgliedern, Vorgesetzten und anderen Mitmenschen umgehen.

Mit diesen Gedanken möchte ich zurück zu meiner Eingangssituation kommen, die Frage nach der 2. Schätzrunde. Ich kann meinem Fragesteller helfen, sich seine Frage selbst zu beantworten, indem ich Gegenfragen stelle:

  • Wem nützt oder schadet es? Dem Kunden? Dem Team? Mir selbst?
  • Was kann ich, können wir daraus lernen?

Eine 2. Schätzrunde nützt erst mal niemandem und schadet vielleicht sogar, weil sie Zeit verschwendet und das Team nervt. Wenn ich als ScrumMaster das Gefühl hat, dass noch etwas offen ist, kann ich Fragen stellen, z.B. „Welche Ähnlichkeit seht ihr zwischen dieser Story und Story xxx (mit der gleichen Punktzahl)? Welchen Unterschied zu Story yyy (mit einer anderen Punktzahl)?“ oder „Welche Optionen seht ihr für die Umsetzung?“ oder einfach „Was gibt es zu dieser Story noch zu sagen?“ Aus den Antworten darauf kann das Team neue Erkenntnisse gewinnen.

Dieses kleine Beispiel zeigt: mit Blick auf meine drei Mindsets (Kunde – Team – ich selbst) kann ich Antworten auf meine Fragen nach konkreten Praktiken finden und situativ Entscheidungen fällen. Als Trainer und Coach kann ich andere unterstützen, selbst ein agiles Mindset zu entwickeln. Anstatt zu signalisieren „ich allwissender Trainer – du dummer Schüler“, kann ich ihnen die Erkenntnis vermitteln, dass sie selbst die Experten für ihre Fragen und Probleme sind und daher auch die besten Antworten und Lösungen dafür finden können. Damit unterstütze ich ihren „growth mindset“. Scrum hilft dabei als Framework zum disziplinierten Experimentieren mit begrenztem Risiko. Und wenn sie oder wir gemeinsam dabei Fehler machen… prima, wieder was gelernt! Oder wie Samuel Becket, offensichtlich ein echter Vertreter eines „growth mindsets“ sagte:

Ever tried. Ever failed. No matter.

Try Again. Fail again. Fail better.

 

 

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5 Antworten zu Agiles Mindset – 3in1

  1. Sacha Storz schreibt:

    Danke, dass Du agiles Mindset in dieser Klarheit rausgearbeitet hast. Ich denke dabei meist in Richtung Anpassungsfähigkeit, Wert und schnellstmögliches Feedback. Der Dreiklang Kunde, Team, ich selbst ist das Gegenstück dazu: Wert für wen? Feedback von wem? usw.
    Vorschlag zum Selbstcheck: Skala statt Ja-Nein-Checkbox.

  2. scanditt schreibt:

    Danke Sasha. Dafür gibt es jetzt auch eine Skala beim Selbstcheck 🙂

  3. Pingback: Agil im Akkord – Akkord durch Agil? | Agile Impulse

  4. Ute Hamelmann schreibt:

    Klasse. Vielen Dank für den hilfreichen Artikel. Den Selbstcheck finde ich lustig und hilfreich. Kann ich die Ergebnisse irgendwo abgleichen? LG

    • scanditt schreibt:

      Hallo Ute, das freut mich. Was meinst du mit abgleichen? Ob du deine Ergebnisse mit anderen vergleichen kannst? Nein, so eine Datenbasis habe ich leider (noch) nicht…

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