Mein Scrum-Commitment

Es gibt seit neuestem eine neue Version des Scrum Guides, die die Definition von Scrum enthält. Er zählt nun wieder die fünf Scrum-Werte auf, die auf dem langen Weg zwischen dem Schwarzen Buch von Ken Schwaber und dem Scrum Guide verloren gegangen waren: Commitment, Courage, Focus, Openness and Respect. Das ist gut so, denn dadurch wird deutlich, dass Scrum nicht (nur) ein Methoden-Framework ist, sondern ein Wertesystem. Die Werte weisen uns die Richtung. Bei allen Entscheidungen, die wir fällen bei der Anwendung von Scrum, der Anpassung an den jeweiligen Kontext und der Erweiterung mit ergänzenden Praktiken, sollen diese Werte verstärkt und nicht verwässert werden. Dazu ist ein gemeinsames Verständnis dieser Werte wichtig. Gar nicht so trivial. Bereits beim ersten Wert, dem Commitment, stoßen wir bei der Übersetzung auf Schwierigkeiten. Commitment = Versprechen? Wir fühlen uns wie Faust bei der Übersetzung der Bibel:

Geschrieben steht: »Im Anfang war Versprechen!«
Hier stock ich schon! Und drohe zu zerbrechen.
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen.

Vielleicht mit „Vorhersage“? Erinnern wir uns: bei dem update des Scrum Guides im Jahre 2011 wurde das Wort „commit“ durch „forecast“ ersetzt. Ehemals sollte sich das Entwicklungsteam zu Product Backlog Items für einen Spring „committen“, nun sollte es nur noch einen „forecast“, eine Vorhersage, dafür abgeben. Darüber wurde und wird kontrovers diskutiert. Wo bleibt da die Verbindlichkeit? Wir denken an eine Wettervorhersage, die Wettermoderatoren wie Claudia Kleinert oder Karsten Schwanke abgeben, ohne dass wir sie dafür zur Rechenschaft ziehen können. Hey, Herr Schwanke, Sie haben sich für heute zu gutem Wetter committed, und jetzt stehe ich da mit meiner Gartenparty und 50 Gästen im strömenden Regen! Das müssen Sie wieder gutmachen! Ein an den Haaren herbeigezogener Vergleich? Unser Entwicklungsteam sollte doch hoffentlich mehr Einfluss auf die Fertigstellung der Product Items haben als Herr Schwanke auf das Wetter, aber dennoch liegt es nicht komplett in seiner Hand. Nicht eingehaltene Versprechen sind Gift für das Vertrauensverhältnis zwischen Product Owner, Stakeholdern und Entwicklungsteam. Es kommt zu Forderungen, Suche nach Verantwortlichen und Schuldzuweisungen. Um das zu vermeiden, stellt das Team vielleicht das nächste Mal seine Items fertig, ohne die Qualitätskriterien einzuhalten, und baut somit technische Schulden auf. Oder es committed sich übervorsichtig, um auf der sicheren Seite zu sein, und erwirbt sich so den Ruf, faul zu sein, nicht ambitioniert oder nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ein so verstandenes Commitment richtet eher Schaden an als dass es Gutes tut.

Lesen wir weiter im Scrum Guide: “People personally commit to achieving the goals of the Scrum Team.” Aha, es geht gar nicht um ein Commitment zu einzelnen Product Backlog Items, sondern um ein Commitment zu einem gemeinsames Ziel. Und: es geht auch nicht um ein einseitiges Commitment des Entwicklungsteams, sondern jeder committed sich persönlich! Wir versprechen uns gegenseitig, unser Bestes zu geben, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Dieses Versprechen ist übrigens auch der Kern der „Prime Directive“ für Retrospektiven: Unabhängig davon, was wir heute entdecken, glauben wir aufrichtig, dass in der gegebenen Situation, mit dem verfügbaren Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen, jede(r) sein Bestes getan hat.

Damit ein Commitment große Wirkung hat, muss es:

  1. Freiwillig sein: Mit Druck und Drohungen erzwungene Commitments nimmt niemand ernst
  2. Öffentlich gegeben werden: Je mehr Personen es hören, desto wahrscheinlich halten wir es ein

Mit diesen Voraussetzungen können wir das Ritual eines feierlich abgegebenen Commitments = Versprechen zu einem gemeinsamen (Sprint)-Ziel pflegen. Wir können sagen „wir versprechen“ und „wir fühlen uns verpflichtet“ anstatt kryptische denglische Ausdrücke wie „wir committen uns“ oder „wir sind committed“. Dass die Erreichung mit Anstrengung verbunden ist, ist dabei kein Hindernis, im Gegenteil. Es erhöht die Wertigkeit des Versprechens.

Was ist nun, wenn wir feststellen, dass wir das Versprechen nicht einhalten können? Müssen wir dann ein schlechtes Gewissen haben?

Als Leserin des Magazins der Süddeutschen Zeitung kommt mir sofort Dr. Dr. Ehrlinger in den Sinn, der sich wöchentlich zu Gewissensfragen äußert. Und siehe da, meine Recherche ergibt, dass er sich auch mit dem Thema Versprechen auseinandergesetzt hat, z.B. dem Eheversprechen:

„Insofern muss man von einem Treueversprechen ausgehen, das die beiden Brautleute nacheinander abgeben und wechselseitig annehmen und das erst durch die Annahme wirksam wird. Das aber hat zwei Konsequenzen: Zum einen sind die Eheleute dem jeweils anderen verpflichtet und nicht sich selbst oder einem Prinzip gegenüber. Zum anderen gilt bei einem Versprechen der Grundsatz, dass derjenige, dem gegenüber man die Verpflichtung eingegangen ist, denjenigen, der ihm das Versprechen gegeben hat, von der Verpflichtung auch wieder entbinden kann.“

Auch wenn Product Owner und Entwicklungsteam nicht miteinander verheiratet sind, schließen sie einen Bund für die Produktentwicklung (mit dem ScrumMaster als Pfarrer ;-)). Sie müssen sich nicht gerade lieben, aber achten und ehren, in guten und in schlechten Tagen. (Schnüff. Ja, dies ist ein emotionaler Moment, und ja, Versprechen haben was mit Emotionen zu tun.) Sie können sich gegenseitig von der Verpflichtung entbinden, möglichst in gegenseitigem Einvernehmen.

In diesem Sinne gebe ich hiermit ein freiwilliges und öffentliches Versprechen zum Commitment und die anderen Scrum-Werte ab. Ich werde mein Bestes tun, sie als Richtungsgeber meiner Arbeit zu beherzigen.

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