Ab heute sind wir eine agile Organisation

Als ich heute morgen in die Arbeit kam, fiel mir gleich auf, dass irgendetwas anders war. Kein Stau an der Eingangskontrolle, die „Personenvereinzelungsanlagen“ waren abmontiert. Der Pförtner begrüßten die Ankömmlinge mit einem strahlenden Lächeln und wünschten einen schönen Tag. Dann, auf dem großen Bildschirm im Eingangsbereich, ein Bild unseres Chefs mit einem Schriftzug „Ab heute sind wir eine agile Organisation“.

Und da stand er persönlich, der Chef, mitten unter den Mitarbeitern. „Liebe Kolleginnen und Kollegen“, sagte er gerade, „wir werden die Zukunft nur agil meistern. Dazu brauchen wir Sie, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen, Ihr Engagement, Ihre Ideen und Ihre Kreativität. Sie werden ab sofort als autonome Teams arbeiten. Ich bin überzeugt, dass Sie so den wertvollsten Beitrag für unser Unternehmen, unsere Kunden und die Gesellschaft zu leisten können. Sie sind die Experten und wissen doch ganz genau, was zu tun ist. Und damit Sie sehen, dass ich es ernst damit meine: ich verabschiede mich jetzt für 3 Monate von Ihnen. Ich gehe in Elternzeit. Ich bin überzeugt, dass Sie wunderbar ohne mich klarkommen werden. Viel Erfolg!“ Mit diesen Worten nahm er seine Krawatte ab mit einer Geste, als würde er sich von einer langjährigen Fessel befreien, und verließ fröhlich pfeifend den Raum.

Die Ankündigung löste tumultartige Reaktionen bei den Mitarbeitern aus. Kolleginnen und Kollegen lagen sich in den Armen, Freudentränen in den Augen. „Ich habe kaum zu hoffen gewagt, dass ich das nochmal erlebe! Endlich sind wir frei! Lasst uns gleich mit der Arbeit anfangen.“ Nur ein paar wirkten eher orientierungslos uns schauten sich hilfesuchend um.

Und siehe da, die ersten sinnvollen Dinge geschahen: die Mitarbeiter fanden sich spontan zu neuen, buntgemischten Gruppierungen zusammen. Entwickler, Tester, Architekten, Designer, Datenbank-Experten, sie alle waren dabei. Ich sah, wie sie eifrig damit beschäftigt waren, Ideen und Diagramme an großen freien Flächen zu skizzieren. Manche setzten sich auch gleich zu zweit oder zu dritt an einen Computer, um ihre Ideen auszuprobieren. Trotz des fieberhaften Eifers verlief das Geschehen in geordneten Bahnen – mit Hilfe einiger Personen, die als Moderatoren agierten. Sie erstellten Listen aus bunten Klebezetteln, die die neuen Teams Punkt für Punkt bearbeiten konnten. Ein paar wenige rafften ihre Aktenordner zusammen und verließen das Gebäude – ihnen war dieser Aktionismus wohl unheimlich.

Ich konnte förmlich zuschauen, wie sich eine neue Ordnung etablierte. Auch wenn ich es vorher nie in dieser Form gesehen hatte, erkannte ich es so fort: das war Selbstorganisation.

Plötzlich ging ein Raunen durch die Menge. Eine neue Gruppe von Personen betrat etwas schüchtern den Raum – die Kunden. „Wir haben gehört, dass Sie ab heute agil sind. Sollten wir dabei nicht eine entscheidende Rolle spielen? Unsere Lastenhefte haben wir heute mal zu Hause gelassen, damit wir unbelastet miteinander reden können.“ Unsere Mitarbeiter empfingen sie mit offenen Armen und verwickelten sie sofort in intensive Gespräche. Die Kunden schilderten mit leuchtenden Augen ihre Bedürfnisse und Wünsche. Nachdem sie das Gefühl hatten, verstanden worden zu sein, verabschiedeten sie sich mit dem Versprechen, in einer Wochen wiederzukommen. „Jetzt habe ich endlich kapiert, was die eigentlich von uns wollen“, hörte ich eine Mitarbeiterin sagen, „und ich glaube ich weiß sogar, wie ich ihnen wirklich helfen kann.“

Ich konnte es kaum erwarten, selbst bei dieser traumhaften Veränderung aktiv zu werden. Ich hatte auch schon einige Ansatzpunkte erkannt. Es schien mir z.B., als ob die verschiedenen neu entstehenden Gruppen versuchten, ähnliche Probleme zu lösen, ohne sich untereinander abzustimmen. Auch die Orientierungslosen konnten sicher Unterstützung gebrauchen…

„Jetzt nur nicht aufwachen“, dachte ich mir. Und wenn doch: einen Teil dieses schönen Traumes bewahren für die raue Wirklichkeit. Ich werde ihn dringend brauchen.

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